Günter Grass: Was gesagt werden musste
Nachdem die Wellen über das Gedicht von Günter Grass hochgeschlagen sind, fragt sich natürlich auch der Autor eines Blogs, ob er sich positionieren soll und wenn ja, mit welchen Konsequenzen. Schließlich dachte er bisher, dass in Deutschland Meinungen frei geäußert werden können und zur offenen Diskussion anregen, um nachher überrascht festzustellen, dass dies nur so lange zutrifft, wie man mit den Meinungsbildnern in Presse, Funk und Fernsehen sowie der Politik einer Meinung ist. Und wenn dann ein Literaturnobelpreisträger – zugegebenermaßen zu einem sensiblen Thema – ein Gedicht veröffentlicht, was diesen Damen und Herren nicht in den Kram passt, wird er niedergebrüllt. Allen voran die Vertreter jüdischer Verbände und Institutionen, die sich – so scheint es zumindest – persönlich angegriffen fühlen.
Da wird schnell die Nazi-Keule der „SS-Vergangenheit“ eines Günter Grass hervorgeholt, um den Kritiker der Politik Israels mundtot zu machen und ihm vorzuwerfen, dass er schon immer ein Problem mit Juden hatte. Ob man Günter Grass und dessen Arbeiten mag oder nicht ist nebensächlich, denn jeder klar denkende Mensch kann aus seinen Worten herauslesen, dass er nicht gegen den Staat Israel ist. Seine Worte: „… dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, …“ drücken dies sehr deutlich aus. Was ist es also, dass die Kritiker derart aufbrausen lässt? Hat Günter Grass etwa recht? Der Volksmund hält dafür eine passende Weisheit parat, die sagt: „Getroffene Hunde bellen!“.
Günter Grass hat also offenbar den Nagel auf den Kopf getroffen, um bei geflügelten Worten zu bleiben, denn anders lässt sich die Reaktion Israels, ihn zur persona non grata zu erklären kaum interpretieren. Überraschend ist, dass der Staat Israel zu derartig drastischen Mitteln greift, denn wäre der Inhalt des Gedichts von Grass gegenstandslos, könnten sich die Vertreter des Staates im Nahen Osten entspannt zurücklehnen. Dies tun sie aber nicht, sondern reagieren äußerst angespannt und aggressiv, Verhaltensweisen übrigens, die Israels Politik in dieser Region seit Jahrzehnten prägen.
Ermutigend ist, dass die Süddeutsche Zeitung das Gedicht gedruckt hat und es offenbar auch mutige Journalisten und Entscheider gibt, welche auch gegen den Mainstream schwimmen und die Meinungs- und Pressefreiheit hochhalten. Ermutigend ist auch, dass Grass nicht vom Tode bedroht oder eingesperrt worden ist, wie es ihm in totalitären Regimen wahrscheinlich passiert wäre. Es gibt also noch Hoffnung, dass sich auch andere Personen des öffentlichen Lebens in Deutschland mit der Politik Israels und seiner Rolle als Atommacht auseinandersetzen und sich auch Israel daran gewöhnt, dass jemand der die Politik des Landes kritisiert nicht gleichzeitig ein Antisemit ist.
„Was gesagt werden muss“
Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.
Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.
Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?
Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt “Antisemitismus” ist geläufig.
Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.
Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.
Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.
Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.
Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.
Bildquelle: Florian K (Wikimedia CC BY-SA 3.0)
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